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Gedenken an Johannes
Bobrowski.
Er fehlt mir. Immer noch und immer
wieder. Er war der, von dem der ungarische Dichter
Sandor Marai sagt:“ In meinem Leben fehlt mir
genau der Mensch, dem ich einen Brief schreiben möchte"
J. B., der bedeutendste Lyriker
nach 1945, der Christ, aber auch Bruder all der
anderen Glaubensarten, in denen die Wahrheit sich
sichtbar zu machen sucht. Manchmal auch ein wenig
heidnisch, mit Opferstein im Wald und Perkunos und
dem Stotterer, der mit den Strömen kommt. J. B.,
der wußte, daß man sich nicht nach einem
vollkommenen Leben sehnen soll, sondern nach
Vervollkommnung seiner selbst. J. B., der wußte:
die Gottheit ist in mir, nicht in Begriffen und Büchern.
J. B., der wußte: wer zu sich selber nein sagt,
kann zu Gott nicht ja sagen.
Ich lernte ihn kennen an einem
nicht vielversprechenden Tag: dem 13. August 1961.
Sein Freund Manfred Bieler hatte mich mitgenommen,
am Abend, in das Haus in der Ahornallee. Es wurde
eine unvergessliche Nacht. Wir lachten, wir redeten,
wir tranken und weinten und ich las Balladen und er
immer wieder seinen Bruder im Geist, den österreichischen
Vagabunden und Dichter Theodor Kramer. Und Bieler
trug das Seine dazu bei und las aus: "Der
Matrose in der Flasche". Auch Bieler ist tot
und ich bin sicher, sie sitzen zusammen und sehen
uns lächelnd zu. So vieles hab ich vergessen zu
fragen, zu oft hab ich unaufmerksam zugehört, zu
wenig hab ich sein Wissen versucht in mich
aufzunehmen. Er war ein kostbarer Mensch, immer
bereit zu helfen, immer die Türe offen, auch wenn
es ihm nicht gut ging und das war oft. Er arbeitete
viel, fuhr jeden morgen in seinen Verlag, schrieb
auch in der S-Bahn seine Gedichte voll dunkler
Melancholie, arbeitete den ganzen Tag, fuhr wieder
nach Hause - zur Familie und hatte trotzdem immer
Zeit, Zeit für seine Freunde, aber auch für
Ratsuchende, für Fremde, für Verzweifelte. Voila
un Hommel! Hätte Goethe gesagt.
Nur einmal, Hannes, hast Du mir
weh getan - als Du starbst!
Seien wir stolz, daß er mit uns in
Friedrichshagen lebte und für die Unsterblichkeit
arbeitete. Gedenken wir seiner in Ehrfurcht,
Dankbarkeit und - Liebe.
Ezard Haußmann
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