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        Die ersten beiden Sätze für ein Deutschlandbuch
 


Als die ersten Nachrichten von den Massenmorden an Juden in die
Stadt gelangten und jedermann meinte, sie seien übertrieben, so
schlimm könne es ja wohl nicht sein, und jeder dennoch ganz genau
wußte, daß sich das alles tatsächlich so verhielt, daß keine noch so
ungeheuren Zahlen, keine noch so gräßlichen Methoden und raffinierten
Techniken, von denen man hörte, übertrieben waren, daß wirklich alles
so sein mußte, weil es gar nicht anders sein konnte, und daß es längst
nicht mehr die Zeit war, davon zu reden, ob es nicht doch noch andere,
mildere, menschlichere Verfahren gegeben hätte, Ausweisungen ja wohl
nicht mehr, jetzt im Kriege, aber doch garantierte Reservationen, mit
Eigenverwaltung undsoweiter, als das völlige Schweigen an der Reihe
war, als man sich selber schon hinweggeschwiegen hatte, wer weiß
wovon und wer weiß wohin, gegen nichts mehr einen Widerspruch
aufsteigen spürte, nur so daherredete, zwischen einem nachlässig
stilisierten Witz und dem feierlich-feuchten Gefühl, in einen Schicksals-
kampf von mythischem Rang einbezogen zu sein, wider Willen, zugegeben,
als es so weit war mit denen, die frei herumliefen in Deutschland und frei
herumlebten, unter den erschwerten Bedingungen des Krieges, zugegeben,
als sie so weit gekommen waren, - was nichts heißen soll, denn so weit
waren sie ja dann wohl schon seit je gewesen, wenn es jetzt so gut
klappte, als es also war wie schon immer, als das so war, läuteten die
Glocken - für gar nichts besonderes: die Hochzeit eines Hirnverletzten,
dem man in Anbetracht seiner militärischen Auszeichnungen diesen Wunsch
nicht hatte abschlagen können, eines garnisonsverwendungsfähig geschrie-
benen, aber für die nächsten Jahre vorerst beurlaubten Oberleutnants der
Pioniere, mit einer Krankenschwester namens Erika, die ihn im Sanatorium
vom Fensterkreuz, an dem er sich aufgeknüpft, mit eigner Hand abgeschnitten
hatte und die er am Abend der Hochzeit noch erwürgte, in einem sogar
vermuteten Anfall von Geistesgestörtheit, was auch nichts heißt, denn
geistesgestört zu sein war ohnehin sein behördlicher Zustand gewesen
seither, das heißt seit zwei Jahren, seit seiner Verletzung.
   Das eine also seit zwei Jahren, das andere seit wann?














 

Johannes Bobrowski, Gesammelte Werke in sechs Bänden
© 1998 Deutsche Verlags-Anstalt, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

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