Johannes-Bobrowski-Gesellschaft e.V.
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WEGE NACH SARMATIEN.
MIT JOHANNES BOBROWSKI
IM KULMERLAND UND AN DER MEMEL

Im Jahre 1995 legte Dietmar Albrecht, seinerzeit Leiter der Ostsee-Akademie in Travemünde und seit dem Dezember 2001 Leiter der Academia Baltica in Lübeck, sein literarisches Reisebuch „Wege nach Sarmatien. Zehn Tage Preußenland. Orte, Texte, Zeichen“ den Lesern vor. Vergessene Landschaften, vergessene Menschen, vergessene Geschichte geraten in diesen Jahren in unsre Erinnerung, schreibt Albrecht zu Beginn. Die Seele erschrickt. Mühsam rekonstruieren wir, was wir vergaßen. Die gelebt und gewirkt haben, lassen wir vorüberziehen. Jahrzehnte und Jahrhunderte gerinnen zu einem Stück Gegenwart, in der wir ein Teil unsrer selbst entdecken.

Dichter und Erzähler im Gepäck macht Albrecht sich auf den Weg ins Preußenland, jene Landschaften zwischen Danzig und Memel, Rauwschen und Lyck, oder, in der Topografie der heute dort Lebenden, Nach Gdańsk und Klaipėda, Swetlogorsk und Ełk. Albrecht sucht die Traumhäuser aus Holz und den eingefahrenen Weg ohne Gräben, ohne Grenzen. Das geschriebene Wort hilft ihm Erinnerung dingfest machen.

Wir leben in sarmatischer Zeit, schreibt Albrecht weiter. Polen und Russen, Litauer und Deutsche finden zueinander im Preußenland. Geschichtliche und gesellschaftliche Erfahrung machen das Umschreiten dieser Landschaft schwer. Doch wenn die heute dort Lebenden dieses Land nicht entdecken, wenn sie nicht zu Selbstbewusstsein, zum Bewusstsein ihrer selbst in ihrer neuen Heimat finden, so wird der Chauvinismus wachsen. Verwurzelung in der uns eigenen Region, verantwortliche Mitgestaltung der uns umgebenden Welt sichern ein Zusammenleben in Frieden.

Die „Wege nach Sarmatien“ sind seit geraumer Zeit vergriffen. Vergriffen sind auch ihre Übersetzungen ins Litauische und ins Russische. Wir greifen aus dem Reisebuch jene Passagen heraus, die Johannes Bobrowskis literarischen Wegen im Kulmerland jenseits von Thorn oder Toruń und an den Ufern der Memel, am Njemen oder Nemunas, folgen.

Nehmen wir uns Zeit. Gehen wir Bobrowskis Wege nach Sarmatien, Wege in ein Land, das ferne leuchtet:

So in der Nacht,
einfacher Landschaft Bild
in den Händen, Heimat,
dunkel am Rand,

ruf ich zu euch,
Gequälte. Kommt, Juden,
slavische Völker, kommt,
ihr anderen, kommt,

dass ich an eures Lebens
Stromland der Liebe vertane
Worte lernte, die Reiser,
die wir pflanzen den Kindern,
würden ein Garten.
Im Licht.

JOHANNES BOBROWSKI <DIE DAUBAS> II (1954-1958). WERKE 2 S.312.

Levins Mühle

Zwischen der Weichsel im Westen und dem Drewenzfluss im Süden und Osten streckt sich das Kulmerland, Ziema Chełmińska. Es ist eines der zwölf Länder des Preußenlands, die ihre Namen erhielten nach den zwölf Söhnen des fabelhaften Prussenkönigs Waidewuttis: Sambia das Samland, Nadrovia Nadrauen, Sudovia Sudauen, Schalanovia Schalauen, Natangia Natangen, Bartonia das Barterland, Galindia das Galinderland, Warmia das Ermland, Pogesania das Hoggerland, Pomesania Pomesanien, Kulmigeria das Kulmerland und - nach dem zwölften Sohn Lituo - Litthuania das Litauerland.

Das Kulmerland ist eine Gegend alt und fromm, wo man, „sofern man etwas besitzt, Geld oder Ehre, deutsch ist und stolz auf seine edle Herkunft, die aber wiederum polnisch ist, doch das war früher“. Der Pole Konrad von Masowien bietet 1225 dem Deutschen Orden das Land, verspricht sich Befriedung. Die bekommt er. Das Kulmische Recht wird zum Grundgesetz des Ordensstaates. 1466, im zweiten Thorner Frieden, fällt das Kulmerland an Polen, 1772 geht es zurück an Preußen, 1919 wiederum an Polen. Bei Polen ist es seither geblieben.

Von Thorn fahren wir nordostwärts Richtung Olsztyn und Brodnica durch die Metastasen der Stadt. Gute zwanzig Kilometer weiter schickt uns hinter Kowalewo Pomorskie der Wegweiser nach rechts auf die Nebenstraße nach Gollub, Golub-Dobrzyń. Lieblich könnte man solche Landschaft nennen: gewellte Fluren, Waldstücke, Alleen, Siedlerland oftmals auf Sand, Einzelhöfe, viele Holzhäuser noch, manche den Walm über den Traufen abgeflacht, Mehlsäcke unterm Vordach, Waldfrüchte im Fenster.

In der bewegten Topographie und dem bunten Chaos der Dörfer stehen die Ordensburgen wie Zinnsoldaten, gewaltige Kuben, auftrumpfend, mächtig gepanzert und unbeweglich, in Pomerellen im Westen wie in Pomesanien im Norden und hier in Gollub an der Drewenz im Kulmerland, wo der Blick weit hinüberreicht nach Russisch Polen.

Auf einer Landzunge hoch über dem Städtchen Gollub, Golub-Dobrzyń, schiebt sich Schloss Golau ins Bild, feste Burg seit 1300 mit der Kunst und dem Komfort der Ordenszeit, quadratisch und aus Backstein massiv, Sterngewölbe und Warmluftheizung, Maßwerkfenster und Arkaden. Die Kuppeltürmchen an den Ecken des Quaders und die mächtige Attikawand sind Zutaten des 17. Jahrhunderts, und in eben jenem Stil ist das Ganze sorgsam restauriert. Schloss Golau birgt ein Museum, eine Art Hotel und in den Kellergewölben eine Beiz. Sommerliche Ritterspiele auf dem Vorwerk heizen den Ordensherren kräftig ein.

Gollub zu Füßen des Schlosses wahrt sein mittelalterliches Maß. Klassizistische Bauten und die Zutaten preußischer Gründerzeit haben die Vorlaubenhäuser ersetzt. Die Pfarrkirche, wie üblich aus Backstein, hat sich ein wenig vom Marktplatz der Kolonisatoren abgesetzt. Eine Brücke führt hinüber nach Dobrzyń. Gollub und Dobrzyń haben sich zu einer Kommune verbunden über die Grenze Preußisch und Russisch Polens hinweg.

An der Drewenz, Drwęca, bei Gollub findet Johannes Bobrowski zum Stoff seines Romans „Levins Mühle“. Hier steht der Großvater zu seinem Recht, als Deutscher und Baptist und „weil man etwas hat: eine Mühle bei Neumühl, an einem rechten Nebenflüsschen des Drewenzflusses, der immer im Polnischen, aber zwischen Deutschland und Russland verläuft“:

Die Drewenz ist ein Nebenfluss in Polen.

Das ist der erste Satz. Und da höre ich gleich: Also war dein Großvater ein Pole. Und da sage ich: Nein, er war es nicht. Da sind, wie man sieht, schon Missverständnisse möglich, und das ist nicht gut für den Anfang. Also einen neuen ersten Satz.

Am Unterlauf der Weichsel, an einem ihrer kleinen Nebenflüsse, gab es in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein überwiegend von Deutschen bewohntes Dorf.

Nun gut, das ist der erste Satz. Nun müsste man aber dazusetzen, dass es ein blühendes Dorf war mit großen Scheunen und festen Ställen und dass mancher Bauernhof dort, ich meine den eigentlichen Hof, den Platz zwischen Wohnhaus und Scheune, Kuhstall, Pferdestall und Keller und Speicher, so groß war, dass in anderen Gegenden ein halbes Dorf darauf hätte stehen können. Und ich müsste sagen, die dicksten Bauern waren Deutsche, die Polen im Dorf waren ärmer, wenn auch gewiss nicht ganz so arm wie in den polnischen Holzdörfern, die um das große Dorf herum lagen. Aber das sage ich nicht. Ich sage statt dessen: Die Deutschen hießen Kaminski, Tomaschewski und Kossakowski und die Polen Lebrecht und Germann. Und so ist es nämlich auch gewesen. [...]

Und die Deutschen - also Ragolski und Wistubba und Koschorrek, um ein paar andere Namen zu nennen - wissen, dass es an der Tüchtigkeit liegt, wenn man etwas hat, und die Polen denken, es kommt von der Muttergottes. Aber freilich, die wirkt mehr ins Gemüt als ins Portemonnaie, sagt man, und deswegen haben die Polen, sagt man, weniger.

JOHANNES BOBROWSKI, LEVINS MÜHLE (1963). WERKE 3 S.9F,16.


„Levins Mühle“ von 1963 hat es ebenso mit dem Osten wie die zwei Jahre später und schon posthum erscheinenden „Litauischen Claviere“, die weiter oben im Land an der Memel spielen. „Man weiß also, was man erwarten kann,“ äußert Bobrowski 1964, „ein vielleicht etwas melancholisches Buch, in dem Deutsche mit ihren Nachbarn agieren, diesmal den Polen; zusätzlich Zigeuner, jüdische Leute, Katholiken, evangelische Sekten, ein italienisch-polnischer Zirkus.“ Die Handlung spielt in ein paar Sommerwochen des Jahres 1874, das kein besonderes Jahr war, „keine Reichsgründung - nur deren Folgen, kein polnischer Aufstand - nur die Erinnerung daran -, keine Nationalitätengesetzgebung - nur deren Vorbereitung.

Zum Schauplatz von „Levins Mühle“ verlassen wir den Markt in Gollub dort, wo sich noch ein Laubenhaus erhalten hat, und halten uns nordostwärts auf die Landstraße nach Strasburg, Brodnica, die dem hohen Ufer über der Drewenz folgt. Wir erreichen die Feldflur, linkerhand ein paar Hügel, rechterhand Äcker und Wiesen, die sich zum Fluss hin senken. Kurz bevor die Straße in die Schmugglerforsten dringt, kreuzt sie ein Flüsschen. Lohrbach steht auf alten Karten, Struga heute: eine alte Steinbrücke, Eisengeländer, dichtbebuschte Ufer, rechts ein Wirtshaus von früher, eine Art Speicher und Wagenremise, Młyn Handlowy steht geschrieben, Handelsmühle.

Eine Allee alter Linden führt zum Mühlhaus über dem Bach. Pferdefuhren, Trecker karren Säcke an, Arbeiter im Blaumann buckeln sie in den Mühlraum. Das Mahlwerk wird elektrisch betrieben, der Durchfluss fürs Wasser ist vermauert. Wir sind in Lissaumühle, Lissewo, stehen vor Levins Mühle.

Ein paar hundert Meter den Wiesenbach hinauf liegt in weiter Mulde Großvaters Neumühl, Nowy Młyn, mit versumpften Teichen, verkrauteten Feldern, Kartoffeln, Rüben, rottenden Wirtschaftsgebäuden. Der Großvater ist fort.

Die Geschichte um Levins Mühle erzählt der Zigeuner Habedank, der im Gerichtsgefängnis der Kreisstadt Briesen sitzt, Wąbrzeżno. Auch da hat besagter Großvater seine Hand im Spiel. Habedank und seine Zellengenossen bringen die Ereignisse um Levin genau und sehr bündig auf den Punkt:

Es ist ein Nebenflüsschen der Drewenz, ziemlich schnell, das hat auf dem rechten Ufer zwei Stauteiche, die gehören zu der großen Wassermühle. Die fest auf vierundzwanzig Pfählen steht, oder ruht, die mit Stützen und Streben gestützt und verstrebt sind und mit Blech beschlagen gegen das Eis. Die Mühle hat ein großes unterschlächtiges Rad und ein prima Mahlwerk, und zwei Mann haben da gut dran zu tun. Und jetzt hat der Alte die beiden, wie ich hör, weggejagt. Bloß sie sind noch nicht gegangen. Und die andere Mühle aber, die ist klein, voriges Jahr schnell aufgestellt. Der Levin ist aus Rozan und hat sich was angelernt mit Müllerei und gleich diese Mühle angefangen, ein Stückchen flussab. Vier Pfähle bloß und Balken und Bretter und ein leichtes Rad, weil das Wasser ein bisschen flach ist, und die Bude hat ziemlich gewackelt, da hat er zwei Ketten angeschafft und sie gegen die Strömung verankert, die Mühle, da ist sie über den Winter und bis ins Frühjahr gekommen, kann man nur staunen. Und er hat hübsch Geschäft gemacht.

So ein Jud, sagt der Junge, kommt an mit dem blanken Arsch und macht Geschäft.

Aber wieso! Gar nichts mit blanker Arsch. Mit Geld ist er gekommen. Jedes Brett gekauft, mit Fuhrwerk von Gollub angefahren. Ich hab Dübel gemacht und nachher die Verschalung, zwei Tage - war alles fertig.

Und erst kam keiner.

Warum auch? sagt der eine von Habedanks Zuhörern, der mit dem Knebelbart, der diesen Rittmeister verdroschen hat in Wiezorreks Deutschem Haus, diesen Herrn von Lojewski, den alten Saufaus. Da hat er wieder mal dagesessen, dieser Rittmeister von früher, und groß geredet, dass sie das deutsche Bier wegschmeißen an die Polacken, dass es keine Ehre mehr ist, wenn sie das deutsche Bier für das gleiche Geld bekommen wie anständige Menschen, dass es überhaupt nicht wahr sein kann, dass sie hier überall herumlungern dürfen, diese Polacken wie Sand am Meer.

Also der mit dem Knebelbart hat ihn verdroschen, nicht so sehr, und hat ihm einen Orden abgedreht und ihm mit dem Klimperding ein Muster in den Kahlkopf gedrückt, weil der ein bisschen angelaufen war, vielleicht hat es gekühlt. Deshalb jedenfalls sitzt er hier.

Aber was du da redest wegen einem Itzig, sagt der Knebelbart, also na hör mal! Und der andere, der noch nichts gesagt hat bisher, sagt jetzt auch etwas. Einer von denen, die überhaupt wenig sagen, dafür aber auch lauter Mist.

Diese Juden, sagt er, haben Jesum ans Kreuz geschlagen, mit Nägeln, Achtzöller. Er weiß das. Jetzt laufen sie rum auf der ganzen Welt, sagt er, das Kainszeichen der Jesusmörder auf ihrer Stirn.

Das ist alles schon so alt, dass es aussieht wie eine leibhaftige Wahrheit.

Er hat das so gesagt, der sonst nicht viel redet, ganz still übrigens, ohne jeden Eifer. Er weiß es genau, er wird ja keinem dieser Juden etwas tun wollen deswegen, er wird Gott nicht vorgreifen, der getreu ist und es auch tun wird, wie es heißt, ersten Thessalonicher, und wenn er es tun wird, wird er, der nicht viel sagt, dastehn und sich nicht verwundern, das musste ja so kommen, höchstens vielleicht stellt er sich näher dazu, und vielleicht hilft er noch ein bisschen nach.

Der Junge hat es auch schon mal gehört, natürlich, da wird es schon stimmen, aber es stimmt doch wieder nicht. Wie ich in Gollub war, sagt er, ist da ein Jud gewesen, so ein ganz altes Mannchen, den haben sie auf einem Stuhl getragen, da sind von morgens bis abends Leute herumgestanden, wo er hingekommen ist, da hat es keine Prozesse mehr gegeben in Gollub, das halbe Jahr, wie er dagewesen ist in Gollub, mit allem sind sie gekommen. Wer weiß, wo er jetzt ist?

Die drei Männer sagen nichts. Und der Junge denkt, mir hätte der aber wohl nichts genützt. Der Junge ist nämlich Viehtreiber gewesen und hat eine Kuh verkauft, die ihm nicht gehört hat, in Lissewo, und es ist gleich herausgekommen. Da hätte es schon einer mit Geld sein müssen.

Dieser Levin, sagst du, ist mit Geld gekommen?

Und mit Fuhrwerk, sagt Habedank.

Und wie weiter?

Nu, wie weiter, sagt Habedank. Er hat Korn gekauft und ausgemahlen und Mehl verkauft.

Und der Alte, der gemahlen hat gegen Lohn, wie überall, der hat gesehen, wie jetzt auf einmal manche ihr Getreide verkauft haben an den Levin, weil Bargeld knapp gewesen ist, weil es schon so gewesen ist, dass sie die Steuer mit Ferkeln bezahlt haben, weil kein Geld dagewesen ist. Große Augen hat der Alte gekriegt, wie er das gesehen hat, und ist herumgegangen, ewig im Fluchens, und hat auch mal gesagt, dass er dem Jud schon zeigen wird - was, hat er aber nicht gesagt.

Und im Frühjahr, morgens, auf einmal, ist die Mühle von diesem Levin weg. Nur noch der Steg da und die beiden Pfähle, wo die Ketten dran waren.

Na sag bloß! Der Knebelbärtige hat sich von der Pritsche geschoben und stellt sich an die Wand. Und der andere, der Schweigsame, denkt vielleicht auch nicht, dass sich da ein Wunder ereignet haben wird, er fragt nämlich, wie das gekommen ist.

Dieser Schweigsame ist übrigens nur hier, weil ein anderer Holz gestohlen hat, im Sägewerk König, er nicht, bei dem König schon gar nicht.

Na ja, das Wasser ist gekommen, sagt Habedank. Das hat man ja sehen können, wie es gewesen sein muss. Die Teiche waren abgelassen, und vor der großen Mühle hatte der Alte einen Staudamm gemacht, da war das Wasser schon bis an den Rand gestiegen, und davor, flussab, trat schon der Sand heraus, so flach war es. Da hatten sich schon alle gewundert, was das soll. Und dieser Staudamm also war aufgerissen. Bloß nicht von selber. Hat man ja sehen können.

Aber wer macht denn sowas, sagt der Junge.

Na wer denn? Der Knebelbart grinst. Und was hat der Jud nun gesagt?

Geklagt. In Briesen.

JOHANNES BOBROWSKI, LEVINS MÜHLE (1963). WERKE 3 S.131-134.


Johannes Bobrowski hat seine Geschichte einer Familienchronik entnommen, die der Bauer Jahnke aus dem benachbarten Malken, Małki, hinterlassen hat. Ein Johann Bobrowski, der womöglich der Familie, jedenfalls aber der Landschaft unseres Bobrowski zugehört, hat wahrhaftig 1874 jene Wassermühle Neumühl gekauft und seinen Konkurrenten Lewin anderthalb Kilometer unterhalb weggeschwemmt. Nur - jener Lewin hat sein Recht vor Gericht erhalten, anders als der Levin des Romans, der vor dem Kungelspiel der Deutschen - Landrat, Richter, Pfarrer, Gendarm - fortgeht zu den Seinen. Der Großvater der Wirklichkeit wandert ins Gefängnis und schließlich bettelarm nach Amerika.

Bobrowskis Variationen der Chronik aus Malken rufen unterschiedliches Echo wach. „Sie verstehen, dass ich von Ihrer Darstellung recht enttäuscht war. Ihr Großvater Ohnename ist eine kümmerliche Figur, zu feige, um für seine Handlung einzustehen, ein dummdreister Bauer, der sich auf Kosten von Außenseitern und Parias ein gemütliches Rentnerleben sichert. Und das alles spielt sich ab unter dem Zeichen des Kulturkampfes und der Germanisierungspolitik,“ schreibt im Dezember 1964 Gerhard Bobrowski aus Marburg an seinen Vetter Johannes in Berlin-Friedrichshagen. „Ich kann mir nicht denken, dass ein Dichter einen solchen Stoff, wie ihn Jahnke geschildert hat, so entstellen kann.“

Ganz anders reagiert Hilde Anker aus Tel Aviv, die zur selben Zeit wie Bobrowskis Vetter Gerhard an „Levins Mühle“ gerät: „Sagen sage ich gar nichts, lieber Herr Bobrowski, denn mir blieb schon die Spuke weg, als ich in der ‘Weltwoche’ (Zürich) über LEVINS MUEHLE las. Der Grossvater meines verstorbenen Mannes war Mühlenbesitzer Michael Levin aus Lissewo. Und wer in der Welt kennt überhaupt Briesen, wo ich vor jenen zig Jahren meine schönsten Sommerferien verbrachte.“ Und weiter: „Die hier lebenden Enkel von Grossvater Levin und natives aus Briesen und Gollub behaupten zwar, Sie hätten die Chausseen in der Gegend etwas durcheinander gebracht. Aber was bedeutet schon geographische Pedanterie gegen die unverfälschten westpreussischen Ausdrücke! Na, und der spezifische Kalmusduft geht mir überhaupt nicht mehr aus der Nase.“

Johannes Bobrowski war nie an der Drewenz, nicht dass wir wüssten. Doch der Leser seines Romans ist zu Hause. Der Müller in Lissewo spricht tatsächlich deutsch, wenn er guten Willen spürt. Die Chaussee nach Wrocki ist geteert und nicht mehr mit Kopfsteinen gepflastert. Wir fahren sie wie der Großvater und Tante Frau zum Tauffest nach Malken und weiter über Strasburg ins Preußenland.

Auch Briesen, Wąbrzeżno, die Kreisstadt, ist geblieben. Alle Wege führen dorthin: von Gollub über Rypiń und Lipnica, von Wrocki ein Stück Richtung Małki/Brodnica und dann linksab: „3800 Seelen, das Städtchen zwischen zwei Seen, Post, Bahnhof, am Bahnhof gleich Hotel Thulewitz, zweimal jährlich Pferdemarkt.“ Häuser kreuz und quer gebaut, Stallmauern, Holzzäune, ein Kreisnest staubig, verschlafen und versunken. Der Markt schaut aus wie ein Heimatmuseum; Bäcker Pehlke schließt seinen Laden, in Wiezorreks Kneipe steht die Tür auf, an der katholischen Kirche linksab wohnt Onkel Sally, ein niedriges Steinhäuschen, das Cheder, die jüdische Kinderschule.

Von der Südwestecke des Marktes in Briesen folgen wir der ulica Wolności zu den Bauten aus Preußens Zeit, rotgeklinkert und wilhelminisch, Schule, Landratsamt, Krankenhaus, Gericht: „Da stehn die Drei vor dem Portal, Levin, den die Geschichte angeht, Habedank, der sich in sie hineinbegeben hat, Tante Huse, die da mitreden wird. Jetzt gehen sie hinein in den roten Ziegelkasten. Levin hält die Tür auf, Tante Huse schreitet voran, auf die erste Tür zu, klopft, räuspert sich kurz, öffnet. Da sitzt Justizsekretär Bonikowski, alt und grau und endlos lang wie ein dörflicher Erbstreit. Er nimmt den Finger aus dem Gesicht, er sagt: Wird aufgerufen!“

Der Rechtsstreit wird zur Intrige. Das Dorf wehrt sich mit seinen Mitteln und inszeniert, Polen, Zigeuner und auch manche Deutsche, Christen und Unchristen, seinen großen Gesang zur Gala des italienischen Zirkus: Großes Wunder hat gegeben. Moses wollt am Wasser leben. / Großes Wasser ist gekommen, hat ihn gleich davongeschwommen. / Alle seine Siebensachen, hat er aber nichts zu lachen. / Wo kam her das Wasser, großes, keiner weiß, auch nicht der Moses. / Aber hat man nicht gesehen einen nachts am Wasser gehen? / Nachts, wo alle Menschen schlafen, bloß die Frommen nicht und Braven. / Hei hei hei hei macht das Judchen ein Geschrei.

Das verdirbt dem Großvater sein Recht. Er zieht nach Briesen, in den Schutz der Stammtische und der Ressentiments. In Neumühl freilich wird es still:

Die Deutschen und Frommen hat der Abzug meines Großvaters durcheinander gebracht, am meisten wegen seiner offenbaren Grundlosigkeit. Und die andern?

Lebrecht und Germann sind, nach amtlichem Zeugnis, deutsch gesinnt, wenn auch vielleicht nicht gesonnen. Nieswandt und Korrinth können wieder ein Arbeitsverhältnis nachweisen, da kann ihnen keiner. Für Feyerabend, für Olga Wendehold, für den Sadlinker Fenske ist der personifizierte Unfriede, mein Großvater also, auf und davon, man redet nochmal darüber.

Tante Huse hört auch davon. Ihr ist er also nähergerückt. Doch das ficht sie nicht an. Sie wird ihn mal besuchen.

Und die andern, da waren doch noch mehr?

Habedank sagt: Wo mag die Marie jetzt sein?

Vorige Woche ist Geethe aus Hoheneck wiedergekommen, hat dort seine Wirtschaft aufgelöst, und hat gehört, die beiden sollen in Ciechanow sein. Einer hat es erzählt, der es wissen kann, ein Ratzkefaller, so ein Zigeuner, der Ratten- und Mäusefallen baut, aus Draht, und Töpfe flickt.

Wird schon stimmen, sagt Jan Marcin, fleißige Menschen. Man weiß nicht, ob er Levin und Marie meint oder diese Ratzkefaller, die es überall gibt.

Es hat sich alles versammelt in Jan Marcins Häuschen. Da ist es hübsch voll, der bunte Hahn begrüßt seine Freundin Francesca, und Jan Marcin ist ganz glücklich: die Kinderchen sind da. Der Italienische Zirkus in voller Besetzung. Nächste Woche noch ein Gastspiel in Gollub, mit Gala-Schlussabend, dann geht es ins Winterquartier, hier bei Jan Marcin. Und in Gollub werden schon die neuen Zirkusleute dabei sein: Habedank, Geethe, Willuhn.

Eine große Musik.

Nur Weiszmantel nicht.

Nein, Kinderchen, sagt Weiszmantel, singt ihr man, singen könnt ihr doch viel schöner. Er hält Jan Marcins Kater auf dem Schoß, kraut ihm hinter den Ohren und auf der Stirn, da kann sich solch ein Tier ja nicht lecken. Nein, Kinderchen, ich geh weiter, wir treffen uns schon nochmal.

Da zieht er davon, der alte Weiszmantel. Er wird singen, dort und dort, überall, wo er Unrecht findet, davon gibt es übergenug, er wird also übergenug zu singen bekommen. Manchmal sieht man es nur nicht gleich, weil der Teufel seinen Schwanz drüberhält. Beim Kaplan in Strasburg wird er auch hereinschauen, der Weiszmantel, da werden sie einen kurzen Abend reden. Da wird der Kaplan Rogalla zum Schluss sagen: Welcher Deiwel hat mich geritten, dass ich in dieses Nest gekrochen bin?

Und Weiszmantel wird antworten: Deiwel oder nicht Deiwel, bleiben Sie man hier, besser als es kommt ein andrer.

Und Kaplan Rogalla wird schon wissen: Der Weiszmantel hat das so an sich: spricht aus, was die Leute denken. Da sagt der Kaplan zum Abschied: Gott wird Sie schützen, und: Kommen Sie wieder, Herr Weiszmantel.

Es ist Herbst. Und der Weiszmantel will nach Löbau hinauf. Nicht direkt nach Löbau, mehr über die Dörfer, also nicht über Neumark und Samplau, mehr östlich über Gwistzyn und Tinnewalde, in Zlottowo hat er einen Bruder, dort geht er hin, aber das hat noch Zeit, bis zum Winter.

Er singt noch. Jetzt im Herbst.

Wie kommt es, dass seine Lieder fröhlicher geworden sind?

Es ist doch da etwas gewesen, das hat es bisher noch nicht gegeben. Nicht dieses alte Hier-Polen-hier-Deutsche oder Hier-Christen-hier-Unchristen, etwas ganz anderes, wir haben es doch gesehen, was reden wir da noch. Das ist dagewesen, also geht es nicht mehr fort. Davon wird der Weiszmantel wohl singen. Und Gott wird ihn schützen. Ihm wird es, denke ich, ganz recht sein, so, wie es der Weiszmantel macht.

Da geht er, die Lappen um die Beine sind über Kreuz mit Bändern beschnürt, Weiszmantel, der die Lieder weiß, und schwenkt ein bisschen den linken Arm. Da lehnen wir am Zaun und sehn ihm nach, bis es dunkel wird. Dort geht er noch, ganz in der Ferne.

Und nun überlege ich nur, ob es nicht doch besser gewesen wäre, die ganze Geschichte weiter nördlich oder noch besser viel weiter nordöstlich spielen zu lassen, schon im Litauischen, wo ich alles noch kenne, als hier in dieser Gegend, in der ich nie gewesen bin, an diesem Fluss Drewenz, am Neumühler Fließ, an dem Flüsschen Struga, von denen ich nur gehört habe.

Aber warum denn? Die Geschichte hätte an so vielen Orten und in so vielen Gegenden passieren können, und sie sollte hier nur erzählt werden.

JOHANNES BOBROWSKI, LEVINS MÜHLE (1963). WERKE 3 S.220-222.

***

LITTHAUEN

Den äußersten Nordosten der Provinz Ostpreußen nimmt die Landschaft Litauen ein, im Süden durch den Goldapfluss von Masuren geschieden, im Westen bis zur Alle und Deime reichend. Von der Deimemündung bis Cranz bildet der Südrand des Kurischen Haffes die Grenze gegen das Samland; im Nordwesten rollen die Wogen der Ostsee gegen die Dünenketten der Kurischen Nehrung, die ebenso wie das Haff der litauischen Landschaft zuzurechnen ist. Im Südwesten ziehen wir die Grenzlinie von der Goldapmündung über Nordenburg und Gerdauen nach Friedland und greifen der natürlichen Abrundung zu Liebe ein wenig über das eigentlich litauische Gebiet hinaus. Im Osten bildet gegen Russland die Szeszuppe auf kurze Erstreckung eine natürliche Grenze. Wo wir aber auch von Litauen aus das russische Reich betreten, überall werden wir mit einem Schlage in eine andere Welt versetzt. Wir finden ein anderes Volk, eine andere Sprache, eine andere Religion und anderes sittliches Empfinden, andere Sitten und Gebräuche, eine andere Lebensweise.

Für Albert Zweck, Oberlehrer am Königlichen Luisen-Gymnasium zu Memel, bedeutet „Litauen“ in seiner Landes- und Volkskunde von 1898 das preußische Litauen im Gegensatz zum russischen und eröffnet ganz selbstverständlich als erster Band die Reihe „Deutsches Land und Leben in Einzelschilderungen“.

Seit 1714 bereits arbeitet eine litthauische Amtskammer in Tilsit, die 1724 nach Gumbinnen übersiedelt, 1736 zur Kriegs- und Domänenkammer erhoben und 1808 in „Kgl. Preußische Litthauische Regierung“ umbenannt wird. Als östlichster Regierungsbezirk des Königreichs Preußen umfasst Gumbinnen neben den masurischen Kreisen und mit der Ausnahme von Stadt und Kreis Memel, die zum Regierungsbezirk Königsberg zählen, eben dieses preußische Litauen, das wir altmodisch und zur Unterscheidung vom seinerzeit russischen Groß Litauen Preußisch Litthauen nennen wollen. Diesem Preußisch Litthauen werden faktisch 1920 und völkerrechtlich 1924 mit der Konvention über das Memelland die Teile nördlich der Flüsse Memel, Russ und Skirwiet und nördlich des Nehrungsdorfes Pillkoppen amputiert. Ein halbes Jahrtausend, seit im Jahre 1422 Deutscher Orden und Litauens Großfürst sich die Große Wildnis teilen, hat hier die Grenze Preußens und später des Deutschen Reiches Bestand. Sie war eine der stabilsten in Europa überhaupt.

Den deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen, die ihre Erinnerung pflegen an die Heimat im Preußenland, ist sein litauischer Anteil in Vergessenheit geraten - eine nachwirkende Folge der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik. Die macht Darkehmen zu Angerapp, Stallupönen zu Ebenrode, Pillkallen zu Schlossberg, die Szeszuppe zum Ostfluss, von den zahllosen Dörfern und Gütern zu schweigen, deren Namen litauische Nähe spiegeln. Mühsam nur findet historisch und topographisch sich der zurecht, dem die Kartennachdrucke die Wege weisen sollen: sie zitieren den am Ende der deutschen Zeit gültigen Namensstand. Eine doppelte und dreifache Namenskonkordanz nur hilft dem, der etwa mit Adolf Boettichers „Bau- und Kunstdenkmälern der Provinz Ostpreußen“ das Preußenland bereisen will. Heft V seiner Reihe hat Boetticher 1895 mit „Litauen“ überschrieben; es behandelt die Kirchspiele zwischen Schmalleningken, Smalininkai, und Nidden, Nida, zwischen Memel, Klaipėda, und Nemmersdorf, Majakowskoje.


Christian Donalitius

Die alte Reichsstraße führt aus Gumbinnen, Gussew, ostwärts in Richtung Stallupönen, Nesterow. Kahle Ackerschläge begleiten die Chaussee. Fünf Kilometer hinter Gumbinnen fällt linkerhand eine magere Baumpflanzung ins Auge; ein Schild weist zu einem Gedenkort, der als Wüstung liegt: Gut Lasdinehlen, auf den letzten deutschen Messtischblättern als Gut Altkrug vermerkt. Zwei Dutzend Bewohner zählt das Gut zur letzten Jahrhundertwende, als - im April 1896 - die Familie des Rittergutbesitzers und einige Litauerfreunde dem großen Sohn Lasdinehlens einen Stein errichten. Ein Foto jenes Tages hat sich gefunden. Doch wo Häuser und Gärten des Guts sich scharten, sind Bulldozer und Pflug drüber hin, kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch, so wird erzählt.

In Lasdinehlen wird zum Jahresbeginn 1714 der Dichter und Pfarrer Kristijonas Donelaitis geboren, latinisiert Christian Donalitius. In der kulturellen Überlieferung Litauens leuchtet dieser Donelaitis als Held. Im Frühjahr 1992 haben die Litauer ihm auf der Flur Lasdinehlens einen neuen Stein enthüllt, einen Findling, litauisch und russisch beschriftet, und ihm - ein Zeichen lutherischer Hoffnung - Eichen für einen Wald gepflanzt, der den Nachgeborenen die Erinnerung an Donalitius lebendig halten soll.

Donalitius ist Sohn eines Freibauern, der nach Kulmer Recht auf eigenem Grund und Boden sitzt. Etliche Beamte sind aus der Familie hervorgegangen. Donalitius' Schulort ist unbekannt. Von 1732 bis 1737 studiert er Theologie der pietistischen Richtung im Königsberger Seminarium Lituanicum, dem hundert Jahre später Ludwig Rhesa vorstehen wird, wohnt dort im Kneiphöfschen Collegium Albertinum. 1740 - Friedrich II. wird König in Preußen - geht Donalitius als Kantor und Rektor nach Stallupönen, drei Jahre später übernimmt er die Pfarre in Tollmingkehmen zwei Wegstunden von Stallupönen im Nordwesten der Rominter Heide. Mit Anna Regina Ohlefant, der Witwe seines Amtsbruders in Stallupönen, hält er die Pfarre bis zu seinem Tode 1780.

In Stallupönen-Ebenrode, Nesterow, stehen die Häuser wie sinnlos, haben kaum mehr als den Bahnhof zur Orientierung, den von Russland her die Versorgungszüge und Truppentransporte für die Oblast Kaliningrad passieren. Am Bahnhof weist ein Schildchen südwestwärts nach Tschistije Prudy, Tollmingkehmen. Eine Abzweigung führt zum Gestüt von Trakehnen, Jasnaja Poljana, dessen Gründung ebenso Ostpreußens Retablissement bezeugt wie die Ansiedlung der Salzburger in Gumbinnen.

Nach gut zwanzig Kilometern durch Felder, auf denen die Natur zu Atem kommt, erreichen wir Tollmingkehmen. Seine „germanische“ Verkürzung Tollmingen steht groß und deutlich am Bahnhof.

Wie so viele Dörfer hierzulande hält auch Tschistije Prudy sich mühsam beisammen. Scheunen und Wohnhäuser fallen ein, Kraut überwuchert die Gleise, ein Laden wie zufällig hingesetzt bietet das Nötigste. Was hat die Menschen nach Tollmingkehmen geführt? Der Frau ist ihr ukrainisches Dorf im Krieg verbrannt, der Mann floh ins gelobte Land vor der Deportation nach Sibirien, heimatlose Kinder suchten Zuflucht, wo es zu essen gab, Soldaten blieben, wo sie ihre Liebe fanden. Entwurzelt sind sie alle, Russen, Kaukasier, Tataren, Ukrainer, Litauer, Polen auch, ab und an eine Deutsche, die sich, ihr Leben zu retten, an einen der Sieger band. Dieses Dorf war reich und unzerstört. Anders als die Siedler nach der Großen Pest gerieten sie in ein fertiges Nest. Wurzeln haben sie noch immer nicht. Zufällig, absichtslos, abwartend scheint ihr Leben. Niemand hat sie aufgeklärt über ihr Dorf. Fragt man diese Menschen nach dem Namen des Flüsschens nebenan, zucken sie die Schultern. Die Zeugen der Geschichte, die sie von den Dachböden und aus den Gräbern holen, bleiben seelenlos. Beliebig sind sie, ohne Heimat, auf versumpftem und versauertem Land.

Doch auf einem Hügel über der Schwentiske am Rand von Tollmingkehmen überraschen Kirche und Pfarrhaus freundlich und heil. Litauer haben beide in den siebziger Jahren wieder errichtet: weiß verputzt das Mauerwerk, rot das Pfannendach, holzverschalt und gedrungen der Kirchturm mit einer Galerie ringsum und einem Glockenhäuschen obenauf. Bis zur großen Wende ist die Kirche in Tollmingkehmen die erste und einzige in der Oblast Kaliningrad, die aus ihren Trümmern neu erstand.

Das Innere ist schlicht: über dem Mittelschiff eine gewölbte Holzdecke, die Seitenschiffe flach, eine Orgelempore, folkloristisch bunte Fenster im Osten, inmitten die Kanzel, ein Altar fehlt. In eine Gruft unter dem Altarraum hat man die Gebeine des Donalitius gebettet, die man gefunden zu haben meint. Noch ist die Kirche Museum, bescheiden, verlegen fast. Ab und an dient sie auch dem Gottesdienst.

Donalitius, Pfarrer von Tollmingkehmen, predigt und schreibt deutsch und litauisch. Seinen litauischen Bauern ist er Seelsorger und Entwicklungshelfer zugleich. Er schult sich im Gartenbau, schleift Glas, treibt Optik und Physik, fertigt Barometer und Klaviere. Unerschrocken bietet er der russischen Besatzung im Siebenjährigen Krieg die Stirn, flieht mit der Gemeinde in die Heide. Mit den Amtmännern des Königs kämpft er um seine Pfarrländereien und um den Bau eines Witwenhauses. [...] Anna Regina Donalitius überlebt ihren Mann um achtzehn Jahre und kann ihr Witwenhaus reichlich nutzen. Dessen Fundamente finden sich so, wie Donalitius überliefert, hangabwärts von Pfarre und Kirche.

Dem Leben seiner Scharwerksbauern, die noch ihr Elend umarmen, hat Donalitius seine Versdichtung „Metai“ gewidmet, die „Jahreszeiten“, Bilder in antiken Hexametern, „Freuden des Frühlings“, „Arbeiten des Sommers“, „Gaben des Herbstes“, „Sorgen des Winters“. Donalitius will nicht idyllisch verklären. Er will seine Bauern belehren und ihnen dabei die Freude am Leben nicht nehmen.[...]

Hätte Donalitius seine „Jahreszeiten“ in einer der großen Kultursprachen geschrieben, er wäre in der Reihe der großen Dichter einer der ersten, schreibt Ludwig Passarge zu seiner Übersetzung von 1894. Aus ihr zitieren wir, verschweigt doch Ludwig Rhesa in seiner ersten Übersetzung von 1818 allzu deftige Passagen und andere, die den Litauern peinlich sein könnten. Eine zweite Nachdichtung legt Heinrich Nesselmann 1869 vor, eine vierte und letzte Hermann Buddensieg 1966.

Tollmingkehmens Pfarrer ergreift Partei für die Sprache und das Brauchtum der Litauer. Seine Dichtung markiert den Aufbruch litauischer Literatur und Kultur: „Gott geb' jeglichem auch, der unser Littauerland ehrt, / Und der Sprache der Littauer treu hinziehet ins Scharwerk, / Gebe ihm Gott mit jeglichem Jahr den beglückenden Frühling, / Und wenn die Zeit vorbei, den heitern Sommer zu schauen.“(Passarge S.273)

In den Bildern „Aus Baltischen Landen“ von 1878 schildert Passarge den alten Friedhof, der sich an die Tollmingkehmer Kirche schließt: „Hie und da ragen bemooste Grabsteine mit verlöschten Inschriften aus dem dichten Rasen. Kiefern, Ebereschen und Linden breiten ihren Schatten über den Abhang des Hügels, an den sich die reiche Landschaft, ein weiter Wiesenplan mit bunten Dörfern, Felder und Wälder anschließen. Den ganzen Hintergrund nimmt die unabsehbare Romintensche Heide ein. Gern kehrt der Blick zu der einfachen Höhe zurück, auf welcher unser Dichter begraben ist; doch kennt man sein Grab nicht mehr. Unzählige Erdbeerblüthen bedecken den Boden, Bienen summen drüber hin, warm ruht der Sonnenschein auf dem Rasen. Nachts aber schlägt die Nachtigall in dem Flieder des Pfarrgartens, und ihr Gesang klingt klagend über die Ruhestatt ihres Dichters, des littauischen Theokrit.

Johannes Bobrowski, stets unser Gewährsmann, hat mit seinem 1965 erschienenen Roman „Litauische Claviere“ dem Tollmingkehmer Pfarrer Eingang verschafft in die Literatur der Gegenwart: Konzertmeister Gawehn und Professor Voigt reisen aus Tilsit zum litauischen Lehrer Potschka ins Memelland, um Stoff zu sammeln für ein Opernlibretto der Jahreszeiten. In seinen dritten Gedichtband nimmt Bobrowski Verse für Donelaitis auf:

Die Mittagsfeuer verbrannt,
über der Linde Rauch,
dort geht er mit weißem Haar,
die Leute sagen:
Bald wird kommen der Abend,
einer beginnt den Gesang,
die Felder tragen ihn fort.

Komm noch ein Stück, Donelaitis,
der Fluss will sich heben mit Flügeln,
ein Habicht, ein Taubenfeind,
der Wald mit den schwarzen Häuptern
richtet sich auf, es ruft
windig über den Berg.
Dort leben die Gräser.

Auch dieser Tag fährt herab,
unter die Galgenschatten
der Brunnen, das Fensterlicht
windlos, das Kienlicht sagt
mäusestimmig
den Segen auf.

Du schreib über das Blatt:
Der Himmel regnete Güte,
und ich sah die Gerechtigkeit
warten, dass sie herabführ
und käme der Zorn.

JOHANNES BOBROWSKI, DAS DORF TOLMINGKEHMEN (1962). WERKE 1 S.165.


Am Strom

Vom Rande der Rominter Heide führt uns der Weg zur Memel, zurück zunächst nach Stallupönen, weiter nordwärts durch die Kriegsödnis um Pillkallen-Schlossberg, Dobrowolsk, nach Lasdehnen-Haselberg, Krasnosnamjensk am Ufer der Szeszuppe, von den Germanisierern Ostfluss benannt. Im Abseits des letzten Krieges hat Lasdehnen sein Gesicht wahren können.

Die Chaussee wendet sich nach Westen, rechterhand mäandriert die Szeszuppe. Wo der Fluss sich nach Norden zur Memel wendet, gibt er der Landschaft Raum, die ihren Liebhabern als Daubas vertraut bleibt: Hügel und Schluchten, Laubwald, der Strom. Jenseits mündet aus dem Litauischen kommend die Jura, an ihren Ufern Motzischken, Willkischken, in deren Sommern Johannes Bobrowski Kindheit und Jugend lebt und seine Lebensgefährtin findet. Die Verse zur Daubas schreibt Johannes Bobrowski 1954. Unwiderruflich scheint ihm die Trennung:

Droben schwang der Wind.
Wir lebten am Fluss in den Hütten.
Dunkelnd die Ufer hinauf,
tönte das Schilf.

Wir waren Kinder mit unsern
Herzen. Die sangen uns jahrhin.
Anders nicht als die Erde
kamen Fröste und Regen,
Blitz und Gewölk, wie die Zeit -

wie die Zeit,
die wir nahmen
und gaben sie aus den Händen,
rot von Früchten. Die Winter
flossen ins Licht.

Das ist vergangen.
Wir ließen die Dörfer dem Sande.
Kaum wie ein Flößerruf
zogen wir fort.

Folgend der Bitternis, legen
wir Holz zu den Feuern der Fremde,
wissen ein Lied noch: einst
blühte der Apfelbaum.

Wo denn
wollen wir bleiben?
Immer ist es die Erde,
der Grund, da wir liegen werden.
Die Kinder
finden das Dorf nicht.

Aber die Gärten, der Schilfstrich
am Strom - jenes Uferland Daubas -
gilbende Scheunen -
und das Gespann, das vom Wald kam -
der Habicht im leeren Blau -

noch verfärbts uns die Blicke.
So treten wir unter den Bogen
dieser Jahre. Und zählen
unsre Freuden der Erde zu. -

Fühlend das Blut in den Schläfen,
das Haar zu streichen den Töchtern,
abends sprichst du: Komm,
Liebste, du bleibst noch - so
sehn ich mich nicht.

JOHANNES BOBROWSKI, DIE DAUBAS (1954). WERKE 1 S.69F.

Alfred Brust aus Coadjuthen, Katyčiai, im Kreis Tilsit, aber jenseits des Stroms, Schriftsteller zwischen Okzident und Orient und den Mythen dieses Landstrichs ergeben, hat den jungen Bobrowski ins prussische Erbe noch eingeweiht, in die Begegnung der Kulturen. Wo in Ragnit, Njeman, über der Memel die Reste der Ordensburg stehen, eine der stärksten Festungen des Ordens, siedelt Alfred Brust seinen Roman „Die verlorene Erde“ an, ein Stelldichein der Völker Sarmatiens, eine Art Nathan der Weise in der Prosa des Memellands.

1289 gründet der Orden Ragnit als Grenzburg zu den Litauern und Schalauern, erneuert es hundert Jahre darauf als massiven Ziegelbau von sechzig mal sechzig Metern, ohne Ecktürme und deshalb doppelt wuchtig. Dreifach wird das Ragniter Schloss ruiniert: 1757 im Krieg Friedrichs II. gegen die Zarin, 1807 in den Kämpfen gegen Napoleon, zu Anfang 1945 schließlich in der Abwehrschlacht gegen die Rote Armee. Ragnit lebt recht munter als Njeman fort. Neubauten verstellen den Blick aufs Gemäuer der Burg. Schlank und hoch ragt der Uhrturm, ein Fingerzeig über den Strom. [...]


Tilsit

Von Ragnit, Njeman, nach Tilsit, Sowjetsk, ist es ein Katzensprung. Die Chaussee trifft auf den Fletcherplatz, Verkehrskreisel Tilsits und Rampe zur Luisenbrücke. Seit 1907 führt sie die Straße über den Strom. Ihr Südtor, Wahrzeichen des Tilsits der Gegenwart, darf beim Wiederaufbau nach dem letzten Krieg bleiben. Hammer und Sichel haben das Portrait der Königin ersetzt. An die stolze Zeit der Stadt, als die Königin ihren Bittgang bei Napoleon tut und Kaiser, Zar und König 1807 den Frieden von Tilsit schließen, erinnert seit 1992 ein Gedenkstein am Fletcherplatz, dreisprachig französisch, deutsch und russisch. Fletcherplatz und Luisenbrücke blieben in sowjetischer Zeit namenlos.

Das Schloss im Osten und die Deutsche Kirche im Westen der Brücke sind fort. Fort ist auch das Rathaus ein paar Schritte geradeaus in die Deutsche Straße hinein, ulica Gagarina. Es stand am Nordende des Buttermarktes. An seiner Westseite, damals Packhofstraße 7/8, ist ein schlichtes zweistöckiges Bürgerhaus geblieben, in hellem Quaderputz, mit rotem Pfannendach und die Traufe zur Straße, vier Fenster Front, zwei, drei Stufen zum Eingang hinauf - das Geburtshaus Max von Schenkendorfs, 1783 geboren. Portrait und russische Inschrift neben der Tür erinnern an den Dichter der Kriege, die Deutschland von der napoleonischen Fremdherrschaft befreien.

Vor hundert Jahren setzt Tilsit seinem Sohn ein Paradedenkmal auf den Platz, den die Stadt hinfort nach Schenkendorf nennt: Front zum Rathaus, großer Gestus, Dichterpathos. Straße der Freundschaft - ulica Druschby - heißt der Platz heute, und den gestuften Sockel Schenkendorfs haben die neuen Väter der Stadt ihrem Lenin unterschoben, dort, wo die Hohe Straße vom Schenkendorfplatz her auf den Anger mündet. Als ulica Pobjedy ist sie zum Boulevard für die Bürger von Sowjetsk geworden. [...]

Das Stadttheater im Norden des Tilsiter Angers, die Gerichtsgebäude im Süden überdauern. Den Standort des Elchs hält ein T 34 besetzt. Wo die Hohe Straße vom Fletcherplatz her auf die Gerichtsbauten trifft, biegt linkerhand die Clausiusstraße, ulica Lenina, ab. Wenige Schritte weiter nur passiert sie den unscheinbaren Thesingplatz, der heute namenlos ist. Linkerhand biegt die Grabenstraße ab, eine Mischung von Gewerbe und Bürgertum, beide sind sie im Niedergang. Als Smolenskaja führt die Grabenstraße auf den roten Klinkerbau des Gymnasiums zu, vor hundert Jahren und auf Dauer hierher gestellt.

Wo die Grabenstraße sich vom Thesingplatz wendet, hält an rotgetünchter Hausfront, unerreichbar hoch und in solidem Friedhofsmarmor, eine Gedenktafel samt Portrait in Erinnerung, dass „in dieser Straße der bekannte deutsche Schriftsteller und Kulturschaffende Johannes Bobrowski geboren wurde und lebte“. 1992, zum 75. Geburtstag Bobrowskis, hat die Stadt Sowjetsk den Sohn Tilsits auf diese Weise geehrt - und einen klugen Kompromiss geschlossen: die Schwester des Dichters beharrt, im stehengebliebenen Haus Nummer 7 sei 1917 die Wohnung der Bobrowski gewesen; die Museumsleute der Stadt berufen sich auf den Katasterplan von 1921, der die Nummer 7 ans jenseitige Ende der Grabenstraße legt. Dort klafft eine Kriegslücke.

Das Gymnasium am Ende der Grabenstraße dient weiter seinen Zwecken; es bietet seinen Schülern erweiterten Deutschunterricht. Professor Voigt aus Bobrowskis „Litauischen Clavieren“ könnte den Ausflug ins Memelland hier erneut beginnen, mit Konzertmeister Gawehn aus dem Theater am Anger, beide die Deutsche Straße mit dem Töpfermarkt hinauf zur Kleinbahn an der Luisenbrücke.

Stadtauswärts Richtung Königsberg fügt sich in die linke Front der Clausiusstraße, ulica Lenina, ein weiß geputztes Mietshaus. Dort wohnt von 1933 bis zum Rückzug der Deutschen Wilhelm Storost Vydūnas. Die Litauer von jenseits des Stroms haben ihm zu Ehren sein Wohnhaus mit einer Bronzebüste geschmückt, litauisch und russisch die Inschrift.

Wilhelm Storost ist in Jonaten, Jonaičiai, bei Heydekrug geboren, jenseits der Memel, im einzigen Kreis Preußisch Litauens, dessen Bewohner bis in die zwanziger Jahre mehrheitlich Litauisch als Muttersprache nennen. Storost wird Missionar, Philosoph, Pädagoge, arbeitet als Volksschullehrer in Kinten, Kintai, am Gymnasium in Tilsit und als Dozent für litauische Sprache und Literatur an der Berliner Universität. Ähnlich wie ein halbes Jahrhundert zuvor an der jenseitigen Küste der Ostsee Nikolaj Frederik Severin Grundtvig als Volksaufklärer für die Renaissance Dänemarks wirkt, wächst Storost zum geistigen Führer der kulturellen und nationalen Wiedergeburt der Litauer im Preußenland - als Chorleiter, Bühnenautor, Schriftsteller, romantisch und idealistisch, oft fern der Wirklichkeit, stets lauter und asketisch. Vydūnas nennt sich Storost, der „ins Innere Gewandte“.

Als Greis flieht Vydūnas mit den Deutschen 1944 nach Westen, stirbt 1953 sechsundachtzigjährig in Detmold. Fast ein Leben später wird seine Asche 1991 auf den Waldfriedhof am Rombinus überführt.

Vydūnas mischt in seinem schriftstellerischen Werk recht unorthodox Ost und West; seine Ideenwelt erinnert an die Konventikler des Schaktarp, der von unpassierbarem Eis eingeschlossenen Weiler im Delta des Stroms. Für die Litauer im Memelland, Kleinlitauen, Mažoji Lietuva, steht Vydūnas als Symbol eines kulturellen und nationalen Lebens selbstbewusst und aus eigener Kraft.

In Bobrowskis „Litauischen Clavieren“ wird Schulprofessor Voigt aus Tilsit, der sich um das Libretto zu den „Jahreszeiten“ müht, zu Johanni 1936 Zuschauer eines Dramas von Vydūnas, das die Litauer zu ihrem Fest am Rombinus aufführen. Voigt gerät in ein Gespräch mit Storost-Vydūnas über Litauer und Deutsche im Preußenland:

Herr Storost, sagt er erfreut. Und dann: Habe mit dem größten Interesse gelauscht. Ihr neues Werk, ich vermute doch richtig?

Wie man es nimmt, sagt Professor Storost. Stark gekürzt und etwas frei bearbeitet, ich hatte mehr an ein Schicksalsdrama gedacht als an ein Weihespiel.

Aber sehr eindrucksvoll, Herr Kollege, sehr eindrucksvoll.

Freut mich. Herr Redakteur Saluga - ich darf Ihnen den Herrn hier gleich vorstellen - hat die Inszenierung besorgt, wie übrigens auch die Bühnenfassung.

Voigt braucht sein Litauisch nicht erst zusammen zu suchen.

Herr Saluga, wenn mich nicht alles täuscht, aus Siauliai, nicht wahr. Einige von Ihnen gelieferte Beiträge im Keleivis sind mir bekannt.

Keleivis ist, nebenbei, eine litauische Zeitung, zu Deutsch: Der Wanderer. Seit Jahrzehnten vorhanden.

Die Herrschaften also werden jetzt ein Gespräch anfangen. Voigt immer auf Litauisch, Saluga in gewandtestem Deutsch, Storost wechselnd von Fall zu Fall. Voigt wird von seiner Oper zu sprechen haben und wird sich Fragen ausgesetzt sehen, auf die wenig Gewisses, zu diesem Zeitpunkt, gesagt werden kann. Was ihn da nicht im Stich lässt, in diesem Gespräch, ist, vorerst noch kräftig, die Hoffnung. Aber wird sie sich halten?

Heute noch ja. Und wie lange?

Saluga sagt: Aber das ist doch längst nicht mehr so, Herr Professor.

Voigt sieht ihn ein wenig verletzt an. Belehrungen wünscht er wohl nicht. Storost schweigt.

Ich weiß, Herr Professor, Sie meinen die Königsberger und Tilsiter Bemühungen, damals: ein paar Jahrzehnte und ein bisschen länger. Kreuzfeld, Rhesa, Passarge, Salopiata, Stiftungen, Gesellschaften, das Litauische Seminar. Die reinen Linguisten, Ostermeyer, Schleicher, Nesselmann, Bezzenberger, vorher Daniel Kleins Grammatik, Kurschat übergehe ich jetzt -, das ist doch alles verschwunden.

Meinen Sie wirklich? Und Kurschat reiner Linguist? Oder Daniel Klein? Dazu Ostermeyer 1793, Erste Litauische Liedergeschichte: Ein gelehrter, frommer und für alle litauischen Gemeinden eifrig sorgender, aber bis an sein Lebensende sehr geplagter Mann, dessen Fleiß und Treue mit einem Undank belohnt wurde, der kaum seinesgleichen hat, und seinen Neidern und Verfolgern zu unauslöschlicher Schande gereicht. Das also zu Klein. Und die andern: Theophil Schultz, Christoph Sappun, Johann Hurtelius, Lehmann in Memel und Friedrich und Christoph Prätorius? Soviel Mühe.

Gut, ich habe mich falsch ausgedrückt, ich will nichts herabsetzen, ich habe die größte Hochachtung, wir verdanken ausländischen Philologen sehr viel, gerade deutschen. Aber jetzt, was bleibt davon jetzt? Eine Art Volkskundemuseum, - ein imaginäres außerdem.

Ich habe, sagt Voigt gemessen, die Überzeugung, in einer guten Tradition zu stehen.

Sie tun es, Herr Professor. Herr Professor Storost auch. Aber werden Sie nicht morgen schon alleine stehen? War das alles doch eher Romantik, und ist sie vorbei? Weil es seit ein paar Jahren einen litauischen Staat gibt? Und das Patenkind also nun abgedankt ist? Oder liegt es ganz anders, ging es nicht um die Integration Litauens und also um seine Auslöschung? Dieser Staat jetzt, so wie er ist, wird unsere Hoffnungen nicht erfüllen, er sah von Anfang an nicht danach aus, er ist zu sehr nach alten Mustern geschnitten, und nun: diese Voldemaras-Leute an der Regierung!

Vielleicht ein Kommunist, dieser Herr Saluga, denkt Voigt, Gawehn würde sich womöglich ein bisschen fürchten. Und laut sagt er: Die Oper, an deren Text ich arbeite, wird das Leben des Christian Donelaitis zum Gegenstand haben.

Herr Professor Storost hat mir schon eine Andeutung gemacht, und ich überlege und komme zu keinem Ergebnis. Ich finde den Vorwurf so schön wie reizvoll, wir müssen Ihnen alle dankbar sein, - aber was beabsichtigen Sie damit?

Eine Oper, sagt Voigt.

Über Donelaitis, stellt Saluga mit Nachdruck fest.

Mich bewegt - Voigt spricht langsam, als müsste er jedes Wort neu überlegen -, mich bewegt: das Leben, ich weiß nicht, ob es exemplarisch sein kann, vielleicht nicht, wahrscheinlich nicht: das Leben eines Dorfpfarrers, ein preußisches Dorf litauischer Zunge, ein deutsch gebildeter Mann, - der sich einer Sprache bedient, damals, in seinen Werken, die seine Wirkung doch nur einschränken kann. Oder hat er gemeint, kann er gemeint haben, seine Bauern würden ihn lesen, wer denn?

Denen hat er gepredigt, ganz kräftig, sagt Storost.

Ja sicher. Voigt hat noch nicht alles gesagt. Ich möchte wissen, - es heißt immer, er habe resigniert, sich in Krankheiten zurückgezogen, sich mit Klagen beschieden. Aber so kann es doch wieder nicht gewesen sein. Die Reinheit der Sitten schwinde mit dem Vordringen der Deutschen, deutsch - das sei aus Stehlen und Fluchen zusammengesetzt, woketis aus wogt und keikt, Sie kennen diese Stellen bei ihm. Wie bei meiner Mutter. Da hieß es: Träumst du von einem Deutschen, steht dir schlechte Gesellschaft bevor.

Also ein Deutschenfeind, denken Sie, Herr Professor?

Nein, denke ich nicht. Voigt fühlt sich diesem Journalistentempo nicht gewachsen.

Also etwas anderes?

Jetzt wird Saluga sogar direkt ein bisschen spitz, warum bloß? Es geht ihm zu langsam.

Ja, sagt Voigt und ist bei der äußersten Bedächtigkeit angelangt: Er meinte die Herrschaftsverhältnisse.

So ganz einfach, ganz langsam gesagt, von Voigt, beinahe überraschend, für alle drei.

Und Sie wollen das in Ihrer Oper zum Ausdruck bringen? Storost ist erschüttert. Er sollte seinen Kollegen umarmen, aber er ist so erstaunt, dass er es einfach vergisst. Nur dasteht, kein Wort mehr weiß.

Vielleicht stört ihn auch etwas, er weiß noch nicht was.

Voigt hat schon geantwortet: Ja, ich denke.

Und nach einer Weile: Es wäre mir sehr wertvoll, wenn Sie mich Ihrer Hilfe versichern wollten, Herr Storost. Und Sie auch, junger Freund.

Ein Gespräch. Aber aus lauter Lücken. Was ist schon gesagt worden?

Alles auf Hoffnung: Diese Oper.

JOHANNES BOBROWSKI, LITAUISCHE CLAVIERE (1965). WERKE 3 S.285-288.

***

SCHAKTARP

Das Memelland, Klaipėdos kraštas, oder Mažoji Lietuva, Kleinlitauen, dankt seine Existenz dem Vertrag von Versailles, der 1920 die Gebiete nördlich von Memel, Russ und Skirwiet, Nemunas/Njeman und Skirvytė/Sewernaja, und nördlich vom Nehrungsort Pillkoppen, Morskoje, vom Deutschen Reich löst. Ein halbes Jahrtausend, seit der Einigung des Deutschen Ordens mit Litauens Großfürst 1422, ist dieses Gebiet Teil des Preußenlands. Mit der Reformation im Preußenland wird es protestantisch. Zwischen den Großlitauern jenseits der Grenzen und den Preußisch Litthauern diesseits liegt eine Welt.

Nach Westen, nach Restdeutschland vertrieben wird nach 1945 aus dem Memelland niemand, umso mehr aber werden schikaniert und ostwärts verschleppt. Das Memelland ist Teil Litauens und damit Teil der Sowjetunion, und seine Menschen leiden wie allerorten im neu gesicherten Bereich der sowjetischen Herrschaft. Doch die meisten Memelländer, Litauer und Deutsche, sind vor der Roten Armee nach Westen geflohen oder in späteren Jahren nach Deutschland ausgesiedelt. Die wenigen, die blieben, und manche der Hinzugezogenen knüpfen an die preußenländisch-protestantische Tradition, üben sich im Zusammenleben der Kulturen und Nationen.

In den Erzählungen Ernst Wicherts, Hermann Sudermanns, Eva Simonaitytės und Johannes Bobriwskis erleben wir eine bäuerliche Gesellschaft im Übergang, eine Gesellschaft des Schaktarp. „Schaktarp“ ist die Zeit „zwischen den Zweigen“. Es sind jene Wochen, in denen frisches Eis das Hochwasser des Deltas überzieht oder das Eis im Frühjahr zu tauen beginnt, zu dünn, um Mensch und Gefährt zu tragen, zu fest, um Booten die Fahrt zu erlauben.

Schaktarp, das ist die hohe Zeit der Konventikel, der Surinkimas, frommer Erweckung auf Höfen und in Weilern, Stunden und Tage des Gebets, des Gesangs und der Predigt, wortgewaltig und frei bis zur Häresie. Die Kirche lebt aus der Schrift, auf Distanz, verwaltet die Sakramente, ist deutsch. Das Volk lebt aus dem Wort, spricht und singt litauisch, die Schöpfung rückt ihm auf den Leib, das Leben mit dem Tod ist seine feste Burg. Dies ist das Litauen des Memellands, wie es auch heute gemach hervortritt. [...]

Vom Fletcherplatz in Tilsit und über die Luisenbrücke hinweg nahm die Kleinbahn ihren Weg ins Memelland. Wir sind bereits in Tilsit Professor Voigt aus Bobrowskis „Litauischen Clavieren“ begegnet, der mit Konzertmeister Gawehn an seiner Donelaitis-Oper arbeitet. Mit der Kleinbahn wollen sie den Lehrer Potschka in Willkischken besuchen und ihn über litauische Dainos befragen, die Voigt in seine Oper einzubauen gedenkt. Voigt, in Tilsits Grabenstraße geboren, der Litauer Potschka aus Willkischen im Memelland - in beiden findet sich Bobrowski selbst.

Am Vorabend des Johannistages 1936 stuckert die Kleinbahn über den Strom und das Wiesenland, endlos weit und grün. Im Osten schiebt der Rombinus sich in den Horizont. Die Gleise der Bahn sind fort, die schmale Trasse, auch die beiden scharfen Kurven sind geblieben, Litauens Zoll in Übermemel, Panemunė, ist wieder da. Die Bahn passiert den toten Arm der Memel, die hier ganz schön herumwirtschaft. Links biegt die Chaussee nach Šilutė ab, die wir gekommen sind. Einen Sprung später führt die Chaussee Richtung Kaunas weiter, über Willkischken, Vilkyškiai, und Motzischken, Močiskiai. Hier in Mikieten, Mikytai, wartet der Zug nach Pogegen, Pagėgiai, und nach Heydekrug.

So langsam lehrt sich die Bahn: Trakeningken, Trakininkai, Lompöhnen, Lumpėnai, und dann schon Willkischken. Dort steigen Voigt und Gawehn aus, besuchen den Lehrer Potschka über dem Saal von Plattners Krug, Blick auf den Gutspark.

Hinter Willkischken nimmt die Chaussee die Kleinbahn huckepack über den Jurafluss. Jenseits, vom Haltepunkt Motzischken, schlägt sie sich nach links in die Wälder und in weitem Bogen zurück zum Strom. Dort in Schmalleningken, Smalininkai, endet das Preußenland.

Am aufgelassenen Haltepunkt in Motzischken gehen wir von der Chaussee nach links in den Sandweg hinein. Die verstreuten Häuser sind zumeist aus Holz, manche bunt, mit Ställen, Veranden, viel Grün, Obstbäumen. Einige Hofstellen sind abgeräumt. Brunnen und Eiskeller deuten auf vergangenes Leben. Behelfsbauten nutzen die Lücken. Eine Alte in ordentlichem Haus, Blumen davor, eine Kuh im Stall, erinnert sich ihres Deutsch, hilft uns zur Orientierung. Doch keiner der alten Bewohner des Dorfes ist geblieben. Den Neusiedlern sind die Häuser der Buddrus, der Fröhlich fremd. Fremd ist ihnen auch der Nachbar.

Nach Willkischken, auf den Hof der Großeltern Fröhlich, und nach Motzischken auf den Altensitz ist Johannes Bobrowski in die Ferien gefahren, von Königsberg her. Der Altensitz der Fröhlich ist geblieben, mit Sprossenfenstern und festem Dach, gleich vom Anfang des Sandwegs ein paar Schritte nach links. Das Gartengebüsch ist abgeholzt, den neuen Bewohnern waren zuviele Schlangen darin. Im Haus der große gemauerte Herd, die Milchkammer, davor der Brunnen, dichtbei das hohe Ufer der Jura, die an den Sandberg mit dem verwilderten Friedhof drängt:

Holzbank, ein hartes meuble.
Dort, zwischen Kiefernbäumen,
die Schaukel - ein Brett, zwei geschälte
Stangen. Vorbei kommt der Kuckuck,
Blaurake und Wiedehopf,
Nachtigall, die ein Sprosser ist,
kürzer singt, lakonischer,
rauher, gebs Gott.

Aber ich kam zu schlafen
unter der Balkenwand,
Schlaf aus Spinnweb und Krötengold,
fliegenbeinigen Schlaf. Zurück
geht das Licht. Um ihre Schatten herum
tappen die Kühe. Der Fisch
reißt ein schäumendes Zeichen
über das Wasser.

Aber ich schlaf nur.
Ich bin nicht hier.
Ich such eine Stelle,
nur ein Grab breit, den kleinen Berg
über den Wiesen. Von dort
kann ich sehen
den Fluss.

JOHANNES BOBROWSKI, WIEDERKEHR (1960).WERKE 1 S.63.

Motzischken ist Bobrowskis Land, das ferne leuchtet:

Mit dem Fluss hinab,
dem Wiesenfluss
und den wilden Gerüchen
der Wälder, redend
laut mit dem Sommerlicht

und den Vögeln
gegen den Abend, im Dunkel
den Fledermäusen - im Winkelflug
fuhren sie auf und hinab
um eine Scheuer mit kleinen
Drachenflügeln - redend
kam ich hierher, hier bin ich,

auf dem Sandberg, ins trockne Moos
setz ich den Fuß, den breiten
Himmel hab ich getragen,
die atmenden Lüfte, ich schwanke...

JOHANNES BOBROWSKI, WETTERZEICHEN (1960). WERKE 1 S.98.

Wie in Bobrowskis Erzählung vom „Käuzchen“ gehen wir den Weg ohne Gräben, der in die Wiesen mündet, vorüber am Hügel, der den Friedhof trägt. Wo der Fluss wegbiegt, erreichen wir den Hof der Familie Buddrus, sicher gelegen vor Schneeschmelze und Eisstau, mit Fleiß gesparter Wohlstand. Der Garten liegt wüst. Vom Vierseithof ist allein das Wohnhaus geblieben, lose das Dach, Feldsteinsockel, Ziegelmauerwerk, platzender Putz. Ein einsamer Insasse sammelt Pilze, brennt Schnaps, lebt in den Tag. Vor der Deportation nach Sibirien hat er sich in diesen verlassenen Hof geborgen, so erzählt er.

Vom Buddrushof holt sich der Soldat Bobrowski 1943, mitten im Krieg, seine Frau Johanna. Hier werden die beiden getraut. Vom Berliner Nachkriegsdomizil an der Ahornallee wandern ihre Gedanken hierher:

Die Allee
eingegrenzt
mit Schritten Verstorbener. Wie das Echo
über die Luftsee herab
kam, auf dem Waldgrund zieht
Efeu, die Wurzeln
treten hervor, die Stille
naht mit Vögeln, weißen Stimmen.
Im Haus
gingen Schatten, ein fremdes Gespräch
unter dem Fenster. Die Mäuse
huschen
durch das gesprungne Spinett.
Ich sah eine alte Frau
am Ende der Straße
im schwarzen Tuch
auf dem Stein,
den Blick nach Süden gerichtet.
Über dem Sand
mit zerspaltenen harten Blättern
blühte die Distel.
Dort war der Himmel
aufgetan, in der Farbe des Kinderhaars.
Schöne Erde Vaterland.

JOHANNES BOBROWSKI, DAS VERLASSENE HAUS (1964). WERKE 1 S.207.

Einen Schulweg weiter über die Jura nach Westen liegt Willkischken, Vilkyškiai. Die Straße läuft am Fuß eines Hügelrückens rechterhand, auf halber Höhe die Gehöfte, dahinter die Gärten. Links fällt das Land zu den Wiesen, dahinter Moor, Strauchwerk, Schilf.

Einige Häuser wagen sich aus dem dörflichen Einerlei: das Mietshaus des Apothekers, der Lessingsche Krug, zweistöckig unübersehbar, nackte rote Ziegel. Mächtig wie das Gasthaus ist sein Storchennest. Gleich nebenan zieht sich das Gehöft der Großeltern Fröhlich von der Straße hügelan: rechts quergestellt das Wohnhaus, einstöckig, Quaderputz, eine städtisch-breite Freitreppe, dazu Garten, Scheune und Stall, Türme von gespaltenem Holz. Von hier sind die Großeltern Bobrowskis nach Motzischken gezogen. Der Gasthof von Wythe am Abzweig zur Kleinbahn ist wieder zum Gasthof mutiert. Hier bei Wythe huldigen in den „Litauischen Clavieren“ die Landeskinder Preußisch Litthauens ihrer unglücklichen Königin Luise. Hier sitzen die Litauerfreunde Voigt und Storost bei Schmand und Glumse, hier dreht der Naziführer Neumann auf.

Ein Stück weiter an der sich hinziehenden Chaussee, fast am Ende des Dorfs, siedeln die Honoratioren: links Plattners Krug, wo der Lehrer Potschka wohnt, dahinter das Gut, benachbart die Kirche, das Pfarrhaus, die Schule, die Post, das Denkmal des Krieges von 1914/18, mit Stahlhelm, ohne Schrift. Aus einer Getreidemühle - unser täglich Brot hüfthoch vor dem Altar - wandelt sich die Kirche wieder zum Gotteshaus. Wir sind in Bobrowskis Arkadien: Kindheit auf dem Dorf, Abgeschlossenheit, patriarchalische Idyllik, Bilder die aus Vorzeiten zu uns reichen. Im Gutshaus, Sitz der Amtsverwaltung, weisen Bildtafeln auf Leben und Werk des Schriftstellers, der von den Sommern seiner Jugend nicht lassen konnte. Im Spätsommer 1999 öffnet die Kirche ihren Raum einer Ausstellung zu Texten und Landschaften Bobrowskis; eine Chorbühne aus Dresden inszeniert den „Wanderer“ dem Dichter zu Ehren.


Am Rombinus

Die alte Straße durchs Memelland legt hin und wieder ihre gewölbte Pflasterung bloß. Die Chausseebäume sind zum Laubdach geschlossen. An der Straße aufgereiht Häuser aus wilhelminischer Zeit, schnelle Zubauten auch und schneller Verfall. Zentralisierte Kolchoswirtschaft hat die Vielfalt der Flur nivelliert. Die in Wilna beschlossene Privatisierung will nur mühsam in die Köpfe.

Auf Willkischken folgt Polompen, dann Lompönen, Lumpėnai. Dort verlassen wir die Chaussee nach links in Richtung Bitėnai, Bittehnen. Erst Teer, dann Schotter, schließlich nur noch Sand. Das Dorf Bittehnen, was ist das schon, schreibt Bobrowski in Lipmanns Leib:

Die sieben Gehöfte über der Steigung des Ufers, wie auf einem Wall. Der ausgefahrene Sandweg kommt an den Steckenzäunen entlang und macht einen kleinen Bogen auf die Fähre zu. Da stehen die Holzbuden, die dem Zoll gehören. Ein Stückchen stromabwärts die beiden Dückdalben und die Anlegestelle für das Dampfboot. Kirschbäume, niedrig, mit geplatzter Rinde. Die vier Stangen um einen vorjährigen Strohhaufen, das zerbrochene Dach schief zwischen sich. Wo die Krähen ihre Versammlungen halten. Das Dorf. Und der Tümpel unten im Sand, von der letzten Überschwemmung, noch immer nicht ausgetrocknet. Das Dorf. Nirgends is so bunt wie inne Welt, sagen die alten Frauen. Was ist das für ein Dorf, sagt Rosa Lipmann.

Sie stammt aus der Wilnaer Gegend, wo die Lipmanns auch her sind, die berühmte Familie, der große Raw von Kowno gehört dazu. Dort um Wilna herum ist es anders. Sand und Holzhäuser auch, aber die Stadt dann mit den Toren, Bahnhof und Fabriken und die Pferdedroschken auf Gummirädern, und ihre Leute haben ein Restaurant. Nur Onkel Neum, der Vorsänger, hat nichts.

Was ist das schon, die sieben oder acht Gehöfte auf dem Uferwall. Von wo man über den Strom sieht, kilometerweit, bis dorthin, wo der Himmel hinabreicht auf die Ebene. Oder man blickt zurück, der Straße nach, die durch die Wiesen gegen den Wald verläuft.

JOHANNES BOBROWSKI, LIPMANNS LEIB (1962). WERKE 4 S.28FF.

Bittehnen: Einzelhöfe locker gestreut und aus Holz, Schöpfe von Holz, Gärten, Blumen. Auch hier neues Volk in alten Häusern. Wo der Weg von Lompönen einen zweiten Sandweg kreuzt, biegen wir nach links und an der nächsten Einmündung erneut nach links. Dort verbirgt sich hinter Büschen und Bäumen das alte Gasthaus von Bittehnen, ein zweistöckiger Ziegelbau ohne Ansprüche, zu den beiden Gasträumen geht es von vorn, zur Wirtswohnung vom Garten. Der steht voller Obst und Blumen. Daneben die Scheune, unten drei Türen mit Herz, oben die Störche.

Dem Krug sind die Gäste fort. Birute, eine alte Lehrerin aus Schamaiten, freundlich, gütig, bietet uns Honig und Wasser. Sie hütet in den Gasträumen ein kleines Museum für Martynas Jankus den Patriarchen der Litauer im Memelland: Drucker, Redakteur, Verleger und Volkskundler zugleich. Zu Ende der neunziger Jahre zieht das Museum in die wiedererstandene Druckerei dichtbei.

Geboren in diesem Dorf Bittehnen, zeitlebens litauischer Patriot, ist Martynas Jankus zu Kriegsende dennoch mit den Deutschen gezogen, gleich seinem Landsmann Wilhelm Storost Vydūnas. Das Bittehner Museum zeigt Bilder und Berichte vom Tod dieses Jankus 1946 in Flensburg, drüben in Schleswig. Zu Pfingsten 1993 ist seine Urne nun heimgekehrt wie zwei Jahre zuvor die Urne von Vydūnas, ein Exempel auf Gemeinsamkeit.

Die Grabtafel für Martynas Jankus auf dem Waldfriedhof von Bittehnen zeigt die Form einer Tulpe. Aus dem Westen Europas sind die Tulpen nach Litauen gelangt. Sie blühen auf der zerstörten Hofstelle von Jankus ebenso wie auf den verwildernden Friedhöfen zu beiden Seiten der Memel. Ihre Zwiebeln überdauern im Boden, treiben Jahr für Jahr neue Blüten, geduldig, zäh, Kraft aus dem Verborgenen.

Vom alten Gasthaus fahren wir zurück zur Kreuzung. Dem Wegweiser „Rambynas kalnas“ folgen wir linksab auf den Waldweg zum Berg Rombinus. Nach fünfhundert Metern liegt rechterhand der Friedhof von Bittehnen, eine Lichtung im Wald, eine eiserne Pforte, am hinteren Drittel des Hauptwegs die Grabtafeln für Martynas Jankus und Storost Vydūnas: klarlackiertes Holz, eine Tulpe für Jankus, eine Urne für Vydūnas.

Nach nochmals fünfhundert Metern, an einem verzauberten Hof im Wald vorüber, erreichen wir die Festwiese mit dem Opferstein des Perkun vor dem Abbruch zum Strom: auf dem Findling das Zeichen des Gediminas, drei senkrechte Balken auf einer Horizontalen, das Symbol litauischer Unabhängigkeit. Nebenan ein Podest für die lodernde Flamme. Tief unten schimmern die Wasser der Memel, des Nemunas. In der Ferne rauchen die Schlote der Zellulosefabrik von Tilsit, Sowjetsk. [...]

Am Rombinus streben die „Litauischen Claviere“ Johannes Bobrowskis ihrem Höhepunkt zu. Hier feiern der Vaterländische Frauenverein der Deutschen sein Jahresfest und die Litauer ihren Vytautas, an Johanni 1936. Hier geraten Professor Voigt und Dr. Storost Vydūnas aus Tilsit und der Redakteur Saluga aus Šiauliai in ihr Gespräch über Litauer und Deutsche im Preußenland, das gut und gern in die Gegenwart reicht.

Im Memelland war der Rombinus Sammelpunkt und Festplatz für Litauer und Deutsche; für die Litauer ist er es geblieben. Drüben, in dem über die Ostsee benachbarten Herzogtum Schleswig, finden wir gleiche Sammelpunkte: Skamlingsbanken über dem Kleinen Belt für die Dänen, den Knivsberg über der Bucht von Genner für die Deutschen. Kampf ums Volkstum hat es auch in Schleswig gegeben. Auch dort datiert die Grenze von 1920. Deutsche und Dänen haben gelernt, in Frieden miteinander zu leben und im Wohlstand obendrein.

Die „Litauischen Claviere“ enden am trigonometrischen Punkt in den Stromwiesen unterm Rombinus. Lehrer Potschka erklettert das Gerüst. Von der Plattform der Landmesser träumt er sich zurück ins preußische Litauen. Donelaitis stellt sein drittes Clavier fertig, singt und spielt mit seinen Amtsbrüdern aus Mehlkehmen und Walterkehmen, Anna Regina bringt ihnen Kaffee. Als Verlobte des Lehrers ruft sie ihren Potschka in die Gegenwart:

Potschka, sagt das Mädchen. Potschka, komm wieder. Das von früher, das geht nicht mehr.

Kein Turm. Potschka öffnet die Augen. Kein Turm. Die Lichtung nicht. Nur das Rauschen, das geht in den Bäumen umher.

Hingehen, das geht nicht mehr. Hingehen nicht.

Jetzt spricht er, langsam, mit einem Mund, der das Sprechen erlernen, mit einer Stimme, die ihre Laute noch finden wird, heute oder morgen:

Herrufen, hierher. Wo wir sind.

JOHANNES BOBROWSKI, LITAUISCHE CLAVIERE (1965). WERKE 3 S.331.

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